Churchill


Churchill
I
Churchill
 
['tʃəːtʃɪl], Siedlung in der Provinz Manitoba, Kanada, an der Mündung des Churchill River in die Hudsonbai, 1 200 Einwohner; katholischer Bischofssitz; Eskimomuseum; Touristenverkehr; Flugplatz. Der Seehafen, von dem aus sich der Seeweg nach Europa gegenüber Montreal um 1 600 km verkürzt, hat seit 1931 Eisenbahnanschluss; die nur kurzzeitige Schiffbarkeit der Hudsonbai (eisfrei von Mitte Juli bis Oktober) verhinderte jedoch bisher eine stärkere Entwicklung des Hafens.
 
 
1685 als Handelsstation gegründet.
 
II
Churchill
 
['tʃəːtʃɪl], alte englische Familie, die mit John Churchill 1702 erstmals den Titel eines Herzogs von Marlborough erhielt. Die Nachkommen seiner Tochter Anna, die 1700 Charles Spencer (* 1674, ✝ 1722) heiratete, erbten die Herzogswürde und legten sich den Namen Spencer Churchill zu.
 
 
A. L. Rowse: The early Churchills (Neuausg. Harmondsworth 1969);
 A. L. Rowse: The later Churchills (Neuausg. ebd. 1971).
 
Bedeutende Vertreter waren:
 
 1) John, 1. Herzog von Marlborough ['mɔːlbərə], britischer Feldherr und Politiker, Marlborough, John Churchill, Herzog von.
 
 2) Lord Randolph Henry Spencer, britischer Politiker (Konservativer), * Blenheim Palace 13. 2. 1849, ✝ London 24. 1. 1895, Vater von 4); seit 1874 Unterhausabgeordneter Churchill nahm B. Disraelis Gedanken der »Tory-Democracy« auf, war Mitbegründer der Primrose League (1883). Er vertrat eine zugleich imperialistische und sozialreformerische Politik. 1885/86 war er Minister für Indien, 1886 Schatzkanzler.
 
 
Ausgabe: Speeches of the Right Honourable Lord R. Churchill, M. P. 1880-1888, herausgegeben von L. J. Jennings, 2 Bände (1889).
 
 
R. F. Foster: Lord R. C. (Neuausg. Oxford 1982).
 
 3) Randolph Frederick Edward Spencer, britischer Publizist, * London 28. 5. 1911, ✝ East Bergholt (County Suffolk) 6. 6. 1968, Sohn von 4); Berichterstatter konservativer Londoner Tageszeitungen, war 1940-45 konservativer Abgeordneter, 1941-45 Abwehroffizier im britischen Generalstab; gab die Reden seines Vaters heraus; eine Biographie seines Vaters blieb unvollendet.
 
Werke: They serve the queen (1953); The story of the coronation (1953); What I said about the press (1957); The rise and fall of Sir Anthony Eden (1959; deutsch Sir Anthony Eden); Lord Derby (1960); Twenty-one years (1965); Winston S. Churchill, Band 1 (1967); The Six Day War (1967; deutsch Und siegten am siebten Tag).
 
 4) Sir (seit 1953) Winston Leonard Spencer, britischer Politiker, * Blenheim Palace 30. 11. 1874, ✝ London 24. 1. 1965, Sohn von 2) und der Amerikanerin Jennie Jerome, Vater von 3); war zunächst Offizier und wurde einer breiteren Öffentlichkeit durch seine Berichte über den Burenkrieg bekannt. Seine politische Karriere begann 1900 mit seiner Wahl zum konservativen Mitglied des Unterhauses. Als Anhänger des Freihandels wechselte er 1904 zur »Liberal Party«. Nach deren Wahlsieg 1906 hatte er verschiedene Regierungsämter inne: u. a. 1908-10 Handelsminister, 1910-11 Innenminister; gehörte zum sozialreformerischen Flügel der Liberalen.
 
Seit 1911 Erster Lord der Admiralität, trieb Churchill die Flottenrüstung energisch voran, nachdem Absprachen mit dem Deutschen Reich über eine Begrenzung der Rüstung nicht erzielt werden konnten. Im Ersten Weltkrieg führte das Scheitern der Dardanellenexpedition 1915 zu seinem Ausscheiden aus der Regierung und zum Einsatz in der Armee. 1917 von Premierminister D. Lloyd George in die Regierung zurückberufen, war er 1917/18 Munitionsminister, 1918-21 Kriegs- und Luftfahrtminister und 1921/22 Kolonialminister. Ohne Erfolg versuchte er sich nach der russischen Oktoberrevolution ein besonderes Profil zu verschaffen, indem er als militanter Befürworter der alliierten Intervention gegen Sowjetrussland hervortrat. Angesichts des Zerfalls der »Liberal Party« kehrte er 1924 wieder zu den Konservativen zurück. Er erhielt in der konservativen Regierung von S. Baldwin 1924-29 das Amt des Schatzkanzlers und führte Großbritannien zum Goldstandard zurück. In den 30er-Jahren war Churchill wegen seiner Opposition gegen die Gewährung weitgehender Selbstregierung für Indien und gegen die in seinen Augen allzu schleppende Wiederaufrüstung ein Außenseiter in seiner Partei und ohne Regierungsamt. Ganz vom Weltmachtgefühl der Vergangenheit bestimmt, das mit der tatsächlich stark reduzierten Machtstellung Großbritanniens kaum in Einklang zu bringen war, rief Churchill frühzeitig zu Gegenmaßnahmen gegen die aggressive Politik v. a. des nationalsozialistischen Deutschland auf.
 
Nach dem Ausbruch des Krieges stieg Churchills Ansehen in der Öffentlichkeit wie in seiner Partei wieder stark an. Er wurde 1939 zunächst wieder Erster Lord der Admiralität und im Mai 1940 - nach dem Scheitern der britischen Norwegenexpedition und dem Beginn des deutschen Angriffs auf Frankreich - Premierminister einer Allparteienregierung (Großbritannien, Geschichte). In der kritischen Zeit nach der Niederlage Frankreichs symbolisierte er den britischen Widerstandsgeist und Durchhaltewillen. Mit dem amerikanischen Präsidenten F. D. Roosevelt verkündete Churchill 1941 die Atlantikcharta. Im weiteren Verlauf des Krieges versuchte er u. a. auf den großen Konferenzen (v. a. in Teheran und Jalta), für Großbritannien im Kreis der »Großen Drei« (USA, UdSSR und Großbritannien) eine eigenständige Rolle zu behaupten. Diesem Ziel diente u. a. seine Absprache mit Stalin, Südosteuropa in Interessensphären aufzuteilen. Bei Kriegsende fand er nicht die Unterstützung Präsident Roosevelts, als er eine frühzeitige Eindämmung der UdSSR anstrebte. Innenpolitisch ließ Churchill 1945 weitgehend Perspektiven für die soziale und wirtschaftliche Zukunft Großbritanniens vermissen. Nach der Wahlniederlage der Konservativen 1945 musste er als Premierminister zurücktreten.
 
In der nun folgenden Zeit als Oppositionsführer hielt Churchill zwei bedeutende Reden: Im März 1946 sprach er in Fulton (Missouri) vom »Eisernen Vorhang« inmitten Europas und zeichnete jenes Bild von der UdSSR, das in der westlichen Staatenwelt im Kalten Krieg bestimmend wurde. Im September 1946 rief er in Zürich zur europäischen Zusammenarbeit auf, ohne allerdings Großbritannien als Teil des engeren Europa zu betrachten. Nach dem konservativen Wahlsieg 1951 war er bis 1955 erneut Premierminister und setzte sich für eine Entspannung im Ost-West-Konflikt ein. - Churchill hat sich auch als Maler und Schriftsteller einen Namen gemacht. Für seine Darstellung des Zweiten Weltkriegs erhielt er 1953 den Nobelpreis für Literatur.
 
 
Werke: Historische und politische Schriften: The world crisis, 6 Bände (1923-31; deutsch Weltkrisis); Step by step, 1936-1939 (1939); The second world war, 6 Bände (1948-53; deutsch Der Zweite Weltkrieg); A history of the English-speaking peoples, 4 Bände (1956-58, deutsch Aufzeichnungen zur europäischen Geschichte).
 
Biographien: Marlborough, his life and times, 4 Bände (1933-38; deutsch Marlborough); Great contemporaries (1937; deutsch Große Zeitgenossen).
 
Autobiographisches: My African journey (1908); My early life (1930; deutsch Meine frühen Jahre, gekürzt auch unter dem Titel Weltabenteuer im Dienst).
 
Essays: Thoughts and adventures (1932; deutsch Gedanken und Abenteuer).
 
Ausgaben: W. S. Churchill. His complete speeches, 1897-1963, herausgegeben von R. R. James, 8 Bände (New York 1974); Churchill and Roosevelt. The complete correspondence, herausgegeben von W. F. Kimball, 3 Bände (Princeton, New Jersey, 1984).
 
 
F. Woods: A bibliography of the works of Sir W. C. (London 1963);
 R. Spencer Churchill: W. S. C., auf zahlr. Bde. ber. (London 1966 ff.);
 M. P. Ashley: C. as historian (London 1968);
 R. R. James: C. A study in failure, 1900-1939 (London 1970);
 H. Pelling: W. C. (New York 1974);
 D. Aigner: W. C. (1975);
 M. Gilbert: C.'s political philosophy (Oxford 1981);
 J. Charmley: C. Das Ende einer Legende (a. d. Engl., 1995);
 S. Haffner: W. C. (56.-57. Tsd. 1995);
 J. Lukacs: C. u. Hitler. Der Zweikampf 10. Mai-31. Juli 1940 (a. d. Amerikan., Neuausg. 1995).
III
Churchill
 
['tʃəːtʃɪl],
 
 1) Charles, englischer Satiriker, * Westminster (heute zu London) Februar 1731, ✝ Boulogne-sur-Mer 4. 11. 1764; anglikanischer Theologe, wurde von 1761 an weit bekannt durch seine scharfen Satiren auf zeitgenössische Schauspieler, Minister und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie auf politische und soziale Missstände.
 
Werke: The Rosciad (1761); The prophecy of famine (1763); The author (1763); The candidate (1764).
 
Ausgaben: The poetical works, herausgegeben von D. Grant (1956); Poems, herausgegeben von J. Laver (1970).
 
 2) Winston, amerikanischer Schriftsteller, * Saint Louis (Missouri) 10. 11. 1871, ✝ Winter Park (Fla.) 12. 3. 1947. Seine Romane greifen historische und politische Themen in epischer Breite und konventioneller Form auf. Melodramatische und kritische Elemente trugen zur Popularität seiner Werke ebenso bei wie die Auswahl dramatischer Phasen der amerikanischen Geschichte.

Universal-Lexikon. 2012.

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